Annika Böttcher

ausgeflockt, eingelegt

schnee.
im januar ein bild im feld.

man müsste das schweigen schreiben können. den sturm in worte fassen. und spätabends im dunkel daliegen, die wärme fremder hände ganz nah, die härchen im rücken
aufgestellt. ich will mich verlassen können:
dass der zug noch heute nacht entgleist,
dass wir im gestöber liegen, dicht beieinander,
dass wir warten, darauf,
dass es frühling wird. und dann: dass eine von uns geht, durch den schnee, und keine spur hinterlässt, einfach so.

man müsste den himmel in streifen schneiden: halte dir die geöffnete hand vors gesicht, dann hast du das finster in stücken.
und die flocken fallen auf einmal
in teilen. dazwischen schwebt man selbst – die fremde hand im rücken jetzt vor sich sehen, ungenau, ihre verschwommene
bewegung.                                                       wo
bist du gewesen?

im wind biegen sich die halme ins gegenlicht. nachtstill lauscht im feld der januar auf seine bedingung:
schnee.

da knie ich mich hinein: in die knisternden kissen aus gras. in
die begrenzung,
ausgeflockt,
eingelegt.
die beine im liegen jetzt eng angewinkelt. durch den saum des kleides drängt die kälte schon vor bis zur brust. das mache ich nur, solange die räder sich noch drehen, solange der zug noch rauscht wie das blut in meinen ohren auf dem weg in die dunkelste kammer. die reisenden sprechen in bildern ohne rahmen. was will ich fassen, mit einem körper neben meinem, mit fingerspitzen,
die sich tastend in mich senken?

– jetzt spür ich mich.

für den fall, dass du gehst: beuge dich tief in den frühling hinein, in die zierlichen knospen, in das zittern
der stille. sieh nach, ob die räder sich noch drehen, aber hinterlasse keine schatten auf den gleisen.
ich will dich nicht wiederfinden können.
manches muss man schließlich auch verlieren dürfen.

der wind verweht das haar: hier und da, auch dort, nistet noch immer meine sehnsucht. sag mir keine worte mehr, sprich zu mir in gesten. führe die hand vor augen zum mund. schlucke den winter in stücken, vergiss,                                             dass du erinnern musst,

um zurückkehren zu können. wenn nicht jetzt, wo sonst
willst du das verstummen lernen?

es ist doch hinderlich, so in sich selbst zu ruhen, so bei sich zu sein.
gib mir dein wort: 
dass du mich nicht fängst, wenn ich aus mir falle. wenn ich
über mich hinaus gehe, wenn ich um mich greife, weil du am horizont stehst
und das eis in rissen hinter dir den halmen
deine träume aufgebürdet hat.

im schnee: meine hände,
die sich falten zu flügeln, wenn du gehst.
wundere dich nicht, flüstere ich spätabends im splitternen dunkel,
wenn am morgen auf den gleisen federn liegen.

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